Ethologie - der Schlüssel zur Harmonie oder was Pferden wirklich wichtig ist

Die allermeisten Konflikte zwischen Pferd und Mensch rühren daher, dass das Verständnis für die Bedürfnisse und Erwartungen des anderen fehlt. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Je mehr wir über die Grundinstinkte der Pferde erfahren, desto leichter finden wir den Schlüssel zu einem harmonischeren Umgang mit ihnen. Als Verhaltensbiologin ist es mir wichtig diesen Zusammenhang darzulegen und zu erklären, wieso das funktioniert.

Da der Mensch ein Jäger ist und sich oft wie ein Raubtier verhält, erweisen sich unsere Grundinstinkte nicht nur als unterschiedlich, sondern oft sogar als gegensätzlich zu denen der Pferde. Menschen haben z.B. den Instinkt sich bei Gefahr in einem sichtgeschützten Unterschlupf zu verkriechen. Fluchttiere hingegen rennen um ihr Leben - sich bei Angst zu verstecken und zu verharren ist für sie nicht im angeboren Verhaltensmuster vorgesehen. 

Beim Raubtier sind alle Sinne zum Aufspüren von Beute angelegt, die Augen stehen nebeneinander, sollen gut fokussieren können. Beim Fluchttier befinden sich die Augen an der Seite des Kopfes für einen möglichst großen Sichtradius zum Erkennen von Gefahren. Die Liste könnte noch beliebig lang fortgesetzt werden.

Pferde sind exzellente Fluchttiere und besitzen stark ausgeprägte Fluchtinstinkte. Evolutionsbiologisch betrachtet, begann die Entstehung dieser Instinkte sogar noch vor der eigentlichen Entwicklungsgeschichte der Pferde. Bereits in ‚Eohippus‘, Vorfahre der Einhufer, der vor 60 Millionen Jahren im Zeitalter des Eozäns lebte und äußerlich kaum Ähnlichkeit mit unserem heutigen Reittier hatte, war der Fluchtinstinkt schon tief verankert und stark ausgeprägt. Es ist dieser Fluchtinstinkt, der die Entwicklung von ‚Eohippus‘ hin zum heutigen Reitpferd ‚Equus caballus‘ überhaupt erst möglich machte.

Im Laufe der Jahrmillionen unterlag die Welt einem Klimawandel und die Wälder, die das Urpferd bewohnte, wichen gigantischen, grasreichen Steppen. Bedingt durch die veränderten Lebensbedingungen wuchs die äußere Gestalt und Kraft des Urpferdes, wodurch es heute für uns überhaupt als Reittier in Frage kommt. Fluchtinstinkt und scharfe Sinne wurden allerdings gerade in der ungeschützten Steppe noch wichtiger, um Todfeinde rechtzeitig zu bemerken und schnell genug zu entfliehen. Nur durch diese damals perfektionierten Fluchtinstinkte, die wir heute in Form von Schreckhaftigkeit bis hin zu kopfloser Panik zu spüren bekommen, konnte sich die Familie der ‚Equidae‘ bis heute durchsetzen.

Erst vor 6000 Jahren begann der Menschen Pferde einzufangen, zu zähmen und als Haustiere zu halten. Bald schon verstand der Mensch auf bestimmte Merkmale hin zu züchten und so veränderten sich in Gefangenschaft wiederum Verhalten und Äußeres der Pferde. Doch 60 Millionen Jahre Fluchtinstinkt lassen sich nicht einfach wegzüchten. Sie sind auch noch in unseren modernen Reitpferden tief verankert.

Aus diesem Grund ist es nicht überraschend, dass für das Fluchttier Pferd Sicherheit an aller erster Stelle steht. Vermutet es Gefahr, werden seine Gedanken und sein Körper ausschließlich auf Überleben durch Flucht gepolt sein. Die Sinne unserer vierbeinigen Partner sind so fein getunt, dass wir Menschen die von ihnen gewitterten und oftmals vermeintlichen Gefahren in den meisten Fällen gar nicht wahrnehmen können. Wir sprechen dann von ‚Geistern‘, die unsere Pferde sehen. Doch dürfen wir nicht unterschätzen, dass diese ‚Geister‘ für unsere Pferde absolut real sind.

Unsere Aufgabe muss es nun sein, unserem Pferd die Angst vor ihnen zu nehmen. Doch wie können wir das? Gut für unsere Zwecke ist, dass an den Fluchtinstinkt stark der Herdeninstinkt gekoppelt ist. So schließen sich Pferde wie alle Herdentiere sehr bereitwillig einem fairen und erfahrenen Leittier an. Hat sich in der Herde ein Pferd als Leittier behauptet, kann der Rest der Herde sich entspannen. Sie werden nun den Entscheidungen des Leittiers nahezu blind vertrauen und sie nicht mehr anzweifeln.

 

Pferde sind hoch empathisch und kopieren die Emotionen ihres Leittiers. Hat es Angst, werden auch sie Angst haben. Fühlt es sich sicher, werden auch sie sich sicher fühlen. Um unserem Pferd außerhalb der Herde die Angst zu nehmen, müssen wir uns in seinen Augen als ein gutes ‚Leittier‘ beweisen und es wird sich uns gerne und freiwillig anschließen. Schaffen wir es, ein solch inniges Vertrauensverhältnis aufzubauen, wird das alle ‚Geister‘ vertreiben.

 

Geschrieben von Xenia Cortés-Kühnast, Verhaltensbiologin & Westerntrainerin